(hergestellt vom Landesverband der Psychiatrieerfahrenen Berlin-Brandenburg mit Unterstützung der Aktion Mensch www.Patverfue.de)

Sehr geehrter Herr v. Butlar, sehr geehrter Herr Georgi,

die Bundesdirektorenkonferenz ist der Verband leitender Ärztinnen und Ärzte der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie und vertritt rund 30.000 Psychiatrische Betten in Deutschland.

Viele der Klinikträger arbeiten seit Jahren in vielfältiger Weise mit der Aktion Mensch zusammen und schätzen das Engagement der Aktion Mensch zur Verbesserung der Lebenssituation behinderter Menschen. Umso größer war unsere Verwunderung und Irritation, das logo der Aktion Mensch unter dem oben genannten Werbespot zu finden, der zurzeit in Kinos in Berlin gezeigt wird und bundesweit via Internet verbreitet wird.

Wir stehen mit dieser Verwunderung nicht allein sondern teilen diese mit vielen Einrichtungen und Fachverbänden. Beispielhaft dafür steht eine unserer Mitgliedseinrichtungen, das ZfP Südwürttemberg, das sich mit unten stehendem Brief in den letzten Tagen an Sie gewandt hat.

Die Fragen unseres Verbandes sind deckungsgleich mit den dort aufgeführten.

Wir bitten Sie, dazu Stellung zu nehmen.

Berlin, 09.03.2012

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Iris Hauth, Vorstand BDK

Brief des ZfP Südwürttemberg nachrichtlich an die Aktion Psychisch Kranke

Sehr geehrter Herr Georgi, sehr geehrter Herr v. Buttlar, sehr geehrter Herr Schächter,

die Unterzeichnenden sind mitverantwortlich für die psychiatrische und psychotherapeutische Pflichtversorgung einer großen Region in Südwürttemberg und wir sehen uns aufgrund des oben genannten und von Ihnen unterstützten Kinospots veranlasst, Sie anzuschreiben. Der Spot ist aus unserer Sicht erheblich stigmatisierend, sowohl für psychisch Kranke wie für die versorgenden Einrichtungen. Dass die Aktion Mensch eine solche grob missverständliche Darstellung einer "Zwangsbehandlung" unterstützt, hat uns sehr irritiert, und wir hoffen auf eine erklärende Antwort von Ihnen. Weshalb?

Der Film wirft für uns mehrere Fragen auf:

1. Warum wurde dieser Film produziert?

Die Psychiatrie befindet sich seit jeher im Spannungsfeld zwischen Heilbehandlungen und ordnungspolitischen Aufgaben. Diese waren im Verlauf der Geschichte der Psychiatrie auch geprägt von menschenunwürdigem Verwahren psychisch Kranker in überfüllten Heilanstalten ohne adäquate fachliche Versorgung und meist ohne Aussicht auf Entlassung. Genauso wie psychisch Kranke mit einem Stigma zu kämpfen haben, ist auch die Psychiatrie aus diesen Gründen unverändert stigmatisiert. Zwar wurde durch die Psychiatriereform, die in Deutschland durch die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages mit ihrem Abschlussbericht 1975 angestoßen wurde, vieles verbessert. Dadurch ist aber nicht ausgeschlossen, dass es in Einzelfällen weiterhin Patienten gibt, die sich - zu Recht oder nicht - ungerecht behandelt fühlen. Es ist daher nachvollziehbar, dass psychiatriekritische Filme produziert werden.

2. Bildet das, was der Film zeigt, die Realität ab?

Seit der Psychiatriereform in Deutschland vor mehreren Jahrzehnten haben sich die Aufenthaltsdauern in psychiatrischen Krankenhäusern dramatisch verringert. Ein Aufenthalt dauert heute nicht Jahre, sondern für die meisten Patienten durchschnittlich 2-3 Wochen. Gleichzeitig nimmt die Zahl der behandelten Fälle stetig zu. Dies hängt einerseits mit dem gestiegenen Bewusstsein der Gesellschaft für psychische Erkrankungen zusammen (Depression, Burnout etc.), andererseits mit der geringer werdenden Stigmatisierung. Die Patienten kommen zu einem ganz überwiegenden Teil freiwillig in die Behandlung. Zwangseinweisungen gibt es aber weiterhin und zwar dann, wenn ein Mensch aufgrund seiner Krankheit sich selbst gefährdet oder andere.

Das in diesem Film verwendete Beispiel für eine Zwangseinweisung ist allerdings kompletter Unsinn. Diese scharfe Formulierung beruht nicht auf einer psychiatrischen Einschätzung, sondern auf der Tatsache, dass das Verhalten des nackten Paares nicht auf ein psychiatrisches Krankheitsbild zurückgeführt werden kann, sondern von den Beteiligten frei intendiert ist. Bei den beiden Personen gibt es keinen Hinweis darauf, dass sie nicht geschäftsfähig wären. Ihr Handeln erfüllt aber sehr wahrscheinlich den Straftatbestand des § 183 StGB: exhibitionistische Handlung oder §183a StGB: Erregung öffentlichen Ärgernisses, der mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe geahndet wird. Es ist daher irreführend, dass diese Menschen in die Psychiatrie gebracht werden und dort zwangsweise - ohne jede Notsituation - festgehalten und mit Psychopharmaka behandelt werden. Derartiges kommt tatsächlich nie vor. Es ist vielmehr realistisch, dass die Polizei dieses Paar, auch wenn es im Besitz einer Patientenverfügung sein sollte, auf die Polizeiwache mitnehmen und möglicherweise eine Strafanzeige aufnehmen würde. Es ist auch unmittelbar einleuchtend, dass eine Patientenverfügung selbstverständlich nicht die Polizei am Eingreifen bei Ordnungswidrigkeiten (oder gar Gewalt oder Selbsttötungsabsichten) hindert, wie es hier suggeriert wird.

Der Film versucht sich in einer romantischen Verklärung psychischer Erkrankungen und dies entspricht eben nicht der Realität. Realistisch wäre es gewesen, einen abgemagerten Menschen mit angstgeweiteten Augen zu zeigen, der unter dem Einfluss von Halluzinationen unverständliche Dinge redet und sich anschickt, über eine Brücke zu springen. Dies wäre eine typische Einweisungssituation für eine psychiatrische Klinik.

3. Welche Folgen könnte dieser Film haben?

Es ist zu befürchten, dass solche verklärten Darstellungen psychischer Krankheiten in Verbindung mit den suggerierten, dann ganz unverhältnismäßig erscheinenden Zwangsmaßnahmen der Psychiatrie eine stigmatisierende und abschreckende Wirkung bezüglich psychiatrischer Behandlung haben. Dies betrifft nicht nur Zehntausende engagierte Beschäftigte in psychiatrischen Einrichtungen, sondern auch mehrere hunderttausend Patienten, die jährlich in Deutschland stationäre Behandlung in Anspruch nehmen - mit steigender Tendenz. Mit Blick auf viele psychisch Kranke, die durch ihre Erkrankung nicht selten schwere Einschränkungen im psychosozialen Bereich erfahren, ihre Arbeit verlieren und aus ihrem sozialen Beziehungsgefüge fallen, wäre das fatal. Dies gilt besonders für Patienten, die Suizidgedanken haben. Dieser Film hilft nicht, Suizide wie den von Robert Enke und den 10.000 anderer, die sich jährlich in Deutschland suizidieren, zu verhindern, im Gegenteil. Aber selbst wenn man Bezug nimmt auf die Patienten, die teils auch mit Zwang der Psychiatrie zugeführt werden, antwortet der Film eben nicht auf das Dilemma, das sich auch den in der Psychiatrie Tätigen täglich stellt, nämlich ob es menschenunwürdiger ist, einem Patienten vorübergehend die Freiheit zu nehmen und ihn gegen seinen Willen zu behandeln oder ob es menschenunwürdiger ist, einen Patienten in einem durch eine psychische Erkrankung bedingten Zustand der aufgehobenen Willensfreiheit zu belassen. Darauf gibt es keine abschließende Antwort, dies wird aus eigener Erfahrung von Patienten auch retrospektiv unterschiedlich beurteilt und ist letztlich eine Frage, die sich die Gesellschaft stellen muss. Die am Ende aus prominentem Mund geäußerte romantische Verklärung, jeder entscheidet selbst ob er psychisch krank ist, ist hier auch nicht hilfreich und letztlich ein Schlag ins Gesicht derer, die aus dem Leben heraus, voll mit Plänen für die Zukunft, ohne Vorwarnung z. B. eine schwere Schizophrenie oder eine schwere depressive Episode entwickeln.

4. Warum unterstützt die Aktion Mensch diesen Film?

Diese Frage stellen wir uns und wir bitten die Verantwortlichen in der "Aktion Mensch" sie zu beantworten.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. med. P.-O. Schmidt-Michel
Ärztlicher Direktor
  Prof. Dr. med. Tilman Steinert
Stv. Ärztlicher Direktor
  Dr. med. Raoul Borbé
Oberarzt
ZfP Südwürttemberg - Ravensburg/Weissenau   ZfP Südwürttemberg / Weissenau   ZfP Südwürttemberg / Weissenau
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Durchwahl:0751/7601-2589
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Download: stn-bdk-2012-03-09-bf-spot-mit-nina-hagen.pdf (69.18 KB)

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